Über die Zukunft von Lino

Eine spontane Bestandsaufnahme meiner Zukunftspläne.

Als geistiger Vater, der sein “Kind” liebt, fühle ich mich verantwortlich für das langfristige Wohlergehen von Lino. Ich möchte, dass Lino auch ohne mich überlebensfähig ist, wenn ich mal in Pension gehe.

Es muss also eine Firma oder Organisation her, die mehrere Programmierer einstellt, von denen einer voraussichtlich ich selber sein muss.

(Das folgende ist inhaltlich korrigiert in meinem :lino:`Nachtrag vom 23.07.2012)

Geld regiert die Welt

Vorgestern schrieb ich einem guten Freund:

Lino ist momentan wie ein großer Kuchen, den ich gebacken habe, und der jetzt aus der Backstube rausgetragen werden muss. Und wer mir dabei hilft, kriegt natürlich auch sein Stück davon ab.

Aber wie soll ich vorgehen?

  • Soll ich über meine eigene Firma Personal einstellen?

    Dieser Weg gefällt mir nicht, weil ich dann sehr bald keine Zeit mehr zum Programmieren hätte.

  • Soll ich bestehende Softwarehäuser ansprechen, die Lino als Framework in ihr Repertoire aufnehmen?

    Das ist in Ordnung und daran arbeiten wir ja auch, aber es löst nicht die Frage, wer die allgemeine Entwicklung des Frameworks kontrollieren soll.

Und hier meldet sich mein Gewissen:

Ich will eine V.o.G. (oder NGO) und keine AG oder GmbH, weil sich die Idee der freien Software prinzipiell nicht mit Privatkapital vereinbaren lässt.

Besagter Freund antwortete mir auf meine Bedingung von der V.o.G.:

Ich lese aus Deinen Zeilen und Fakten, dass Du bislang von einer zentralen Überzeugung ausgegangen sein könntest, die nicht funktionieren kann. Die Überzeugung nämlich, dass sich das herkömmliche christliche Prinzip auch im Geschäftsleben durchsetzt: tue unmittelbar Gutes und das Gute wird sich durchsetzen.

Ich würde diese Interpretation der Bibel als etwas “narrow minded” (im wahrsten Sinne dieser Worte) bezeichnen. Die göttiche Rückkopplung von vermeintlich unmittelbar guten, offenen und ehrlichen Taten kommt im Geschäftsleben oftmals nur sehr, sehr zeitverzögert und sehr diffus an. Du kannst leider nicht erwarten, dass die gleichen Leute, denen Du Gutes tust in gleicher Hinsicht Dein Wohl im Fokus haben. Im geschäftlichen Leben ist das eigentlch nicht leider sonder sinnvollerweise die übliche Umgangsweise. Da besteht nach meiner Einschätzung ein großes Kompatibilitätsproblem, wenn Du weiterhin von dieser unmittelbaren Rückkopplung ausgehst. (…)

Die unmittelbare göttliche Rückkopplung wie noch zu Zeiten, als die Wirtschaft auf kleinen dörflichen Einheiten basierte, kann man heute nur noch in von der Außenwelt und dem Zeitablauf weitgehend abgekapselten Wirschaftseinheiten wie bei Stämmen im Amazonas, auf Papua Neuginea und in einigen ländlichen Gebieten Afrikas ansatzweise finden.

In einer hoch arbeitsteiligen, globalen Welt funktioniert das nicht, da die positiven Effekte räumlich und zeitlich chaosmäßig verbreitet werden und damit nicht mehr dem Verstand der einzelnen Personen erfassbar und begreifbar sind, die von diesen Effekten profitieren. (…)

Und das ist nur ein Auszug. Also wenn jemand mich dazu überredet kriegt, aus der GPL-Welt in die Geschäftswelt (zurück) zu kommen, dann ist das dieser Freund. Vielleicht hat er Recht? Wenn Lino nicht GPL-lizenziert wäre, wäre er wahrscheinlich schon viel verbreiteter.

Mein Gewissen ist ja auch nur das Resultat des Mörtels meiner persönlichen Lebenserfahrungen auf dem Fachwerk meines persönlichen Charakters. Sehr individuell zwar, aber keineswegs absolut. Ich wüsste nicht, weshalb mein Gewissen mehr Recht haben soll als das anderer Menschen.

Und in der Tat hindert mich nichts daran, die Lizenz zu ändern, weil es bisher keine direkten Kontributoren gibt (andere Programmierer, die Teile von Lino geschrieben haben und dadurch Mitspracherecht bzgl. der Lizenz hätten).

Der Gedanke eines “Managers”, der sich um den Verkauf kümmert, so dass ich mehr Zeit fürs Träumen und Programmieren habe, gefiel mir.

Anekdote am Rande: Bei diesen Gedanken musste ich Feierabend machen, weil unsere Vierjährige ihre Gute-Nacht-Geschichte forderte. Sie hatte das Märchen Bruder Lustig ausgewählt, das ich ihr dann vorlas. An der folgenden Stelle musste ich einfach mal Pause machen:

Der heilige Petrus aber wollte nichts nehmen, und je mehr ihn die Bauersleute baten, desto mehr weigerte er sich. Der Bruder Lustig aber stieß den heiligen Petrus an und sagte “so nimm doch was, wir brauchen es ja.”

Diese Situation ähnelte nun doch allzu sehr dem, worüber ich kurz zuvor nachgedacht hatte. Kann sowas denn noch Zufall sein?

Heute morgen habe ich dann mal gesurft:

Ja, der Zufall von gestern abend und die altbekannten Eindrücke beim Lesen solcher Texte bestätigen es mir. Meine Forderung, dass es eine VoG und keine kommerzielle Firma sein muss, kommt daher, dass ich glaube:

Geld regiert die Welt, aber eigentlich sollten wir Menschen das tun

Ich habe auch keine Lösungen, aber ich will mich wenigstens möglichst raushalten aus dem struggle for life. Zum Beispiel würde ich niemals mehr (wenn es sich irgendwie vermeiden lässt) Angesteller einer Firma werden wollen oder ihr gar mein Autorenrecht abtreten.

Dazu kommen nur nichtkommerzielle Organisationen (VoG, Stiftung, staatliche Dienststelle) in Frage.

Also vorläufiges Fazit: eine Firma wäre einfacher, aber würde die Freiheit von Lino unterwandern und lässt sich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Lino und die kommerzielle Welt

Dass ich für unabhängig und meinem Gewissen treu bleiben will, heißt nicht, dass ich nicht mit der “kommerziellen Welt” zusammenarbeiten will.

Ja, freie Software ist nicht kostenlos, sondern meistens sogar teurer als Mainstream-Produkte. Der Vorteil ist strategischer Art. Es gibt Leute, die lieber von ein paar Linux-Experten als von einem amerikanischen Konzern abhängen. Staatliche Dienststellen gehören prinzipiell dazu. Aber weil der Preis für diesen rein strategischen Vorteil oft immens hoch ist, verzichten sie drauf.

Also der Markt für GPL-Software ist durchaus vorhanden und bisher kaum erschlossen. Freie Software hat Zukunft und kann in der kommerziellen Welt überleben.

Die Anbindung von Lino an die kommerzielle Welt ist prinzipiell einfach, dazu gibt es die doppelte Lizenzierung. Also wenn ein Softwarehersteller eine auf Lino basierende Anwendung entwickeln und kommerziell vertreiben will, darf er das tun, indem er sich bei uns eine kommerzielle Lizenz kauft.

Ich sage hier schon “bei uns”, denn solange ich der einzige Mensch der Welt bin, der so einer Firma technischen Support geben könnte, wird sich wohl kaum ein Interessent finden. Dazu braucht es besagte VoG.

Wenn das mal so weit ist, wird es auch zu harten Verhandlungen mit den Kunden über diese Lizenzgebühren kommen, und dann werden wir gute professionelle Verkäufer brauchen. Aber nicht ich werde das alles organisieren, sondern die VoG.

VoG “Lino für alle”

Über die Gründung einer VoG denke ich gelegentlich nach. Momentan würde ich sie “Lino für alle” nennen. Deren Hauptziel würde ich momentan z.B. wie folgt formulieren:

  • Langfristige Trägerschaft der Entwicklung und des Unterhalts ausgewählter freier Softwareprojekte.

Die Liste der unterstützten Projekte wäre öffentlich einsehbar und kann durch Beschluss der GV verändert werden. Es gibt ja nicht nur Lino.

Die VoG würde sich selbst tragen durch den Verkauf von Dienstleistungen und kommerzieller Lizenzen.

… aber momentan ist es eigentlich etwas zu früh für solche Pläne. Ich bin überzeugt: wenn Lino erst mal bekannter ist, werden sich Menschen finden, die sich um den administrativen Teil kümmern.

Wie kann Lino wachsen?

Aber wie kommen wir dahin? Wie machen wir Lino bekannter? Wie kann Lino wachsen?

Wir brauchen einfach noch ein bisschen Geduld. Und ein offenes Ohr, um den nächsten Lino-Benutzer zu finden.

Der nächste Lino-Benutzer wird wahrscheinlich eine kleinere Firma oder Organisation sein, die ein informatisches Bedürfnis hat, das Lino lösen kann. Die Anwendung sollte möglichst wiederverwertbar sein, also es sollten möglichst viele andere Firmen oder Organisationen mit ähnlichen Bedürfnissen existieren.

Lino in zehn Jahren

Wie stelle ich mir Lino in zehn Jahren vor? Hier meine spontane und unverbindliche Antwort:

  • In zehn Jahren ist Lino weltweit bekannt als “SAP für alle”, und zum Heimgebrauch out of the box auf allen Ubuntu-Rechnern verfügbar in Form einer standardisierten “Killer-Anwendung”.
  • Zudem bieten viele Internet-Hoster Lino-Anwendungen ab 10€ pro Monat an.
  • Besagte “Killer-Anwendung” könnte z.B. eine integrierte Kontakte-Mail-Kalender-Blogger-Buchhaltungs-Dokumentverwaltung sein, die die nahtlose Integration dieser bekannten Office-Funktionen sowie deren Erweiterbarkeit als wichtiges neues Feature hat.
  • Ich selbst darf hoffentlich bis an mein Lebensende weiterhin immer weitere Lino-Träume spinnen und implementieren, ohne mir um mein finanzielles Überleben Sorgen machen zu müssen.